Gastbeitrag der Ballschule Heidelberg

Das Fangen eines Balles ist essentieller Teil vieler Sportspiele. Und nicht nur in großen Spielen, sondern auch in vielen kleinen Spielen und Varianten der großen Spiele ist das Fangen eine Grundvoraussetzung, um am Spielbetrieb aktiv teilnehmen zu können. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, ist eine aktive Teilnahme oft erschwert. Somit kann die Teilhabe am Bereich Sport, der für die Sozialisation mit Gleichaltrigen unerlässlich ist, nicht sichergestellt werden. Daher haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie wir Kindern das Fangen beibringen können. Wie können wir Kindern entwicklungsgerecht diese elementare Basistechnik vermitteln, damit das Ballspielen als nachhaltig mit Spaß verbunden wird?

Fangen lernen

Die drei Komponenten des Fangens

Einen Ball zu fangen ist, wie eingangs schon beschrieben, eine elementare Technik beim Spielen mit Bällen. Aber wie kann man das Lernen und verbessern? Dazu ist es notwendig, dass Du Dich mit den Komponenten des Fangens vertraut machst. Wir unterteilen dazu das Fangen in drei wesentliche Komponenten:

  • Die motorische Komponente: Hierbei geht es um die motorischen Abläufe und speziell die Hand-Auge-Koordination. Kinder müssen in der Lage sein, die vorgesehene Bewegung korrekt auszuführen und zudem auch zeitlich und räumlich angepasst vornehmen. Das Zusammenführen der Handflächen erfordert ein Zusammenspiel beider Körperhälften und kann daher eine koordinative Herausforderung darstellen (vor allem zu Beginn). Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass Kinder das Greifen von Gegenständen mit beiden Händen erlernt haben.
  • Die kognitive Komponente: Dies lässt sich vor allem mit der Wahrnehmung beschreiben. Es geht darum, dass Kinder bewegende (und hier speziell fallende) Objekte wahrnehmen und deren Geschwindigkeit korrekt einschätzen und damit ihre Position antizipieren (vorwegnehmen) können. Nur wenn die rezeptive Vorarbeit korrekt geleistet wird, kann im Anschluss die Motorik ihre Arbeit erfolgreich verrichten.
  • Die emotionale Komponente: Diese wird bei Lernprozessen von Kindern gelegentlich vernachlässigt, hat aber beim Fangen lernen einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Für viele Kinder ist es zunächst schwierig, einen Ball zu fangen und aufgrund der hohen Geschwindigkeit von fallenden Objekten verschließen Kinder beim Fangen eines Balles oftmals die Augen, da sie sich vor dem Kontakt mit dem Objekt fürchten. Dies erschwert die Aufgabe ungemein und führt wiederum zu einem negativen Lernerlebnis. Es kann sich unter Umständen also eine negative Wechselwirkung bilden, die den Lernprozess verlangsamt und den Spaß am Ballspielen verhindert.

Diese drei Komponenten sind keineswegs isoliert voneinander zu betrachten, sondern spielen sich zeitlich entweder kurz nacheinander oder gleichzeitig ab, sodass ein voneinander abgegrenztes Üben oder Verbessern nicht möglich und auch wenig sinnvoll ist. Vielmehr sollten alle drei Komponenten gleichzeitig geschult und von Trainern und Lehrern beim Lernprozess dauerhaft berücksichtigt werden.

Allgemeine Prinzipien des Fangens

Bevor wir uns den konkreten Übungen widmen, sollten zunächst aus den Komponenten allgemeine Prinzipien für das Fangen lernen abgeleitet werden. Wir beginnen in diesem Fall mit dem emotionalen Aspekt: Die Angst, die viele Kinder beim Fangen eines Balles haben, hat oftmals mit negativen Erfahrungen zu tun, die die Kinder gemacht haben. Die äußerst schwierige Aufgabe einen Ball zu fangen, überfordert Kinder zunächst und wenn man einen „echten“ Fußball, Basketball oder Handball nimmt, hat das schmerzvolle Konsequenzen: Beim Versuch, den Ball zu fangen, springt einem dieser ins Gesicht, weil man die Flugbahn falsch eingeschätzt und/oder die Hände zu früh geschlossen hat. Das ist dann schmerzhaft und sorgt dafür, dass Kinder sich beim nächsten Mal davor fürchten, einen Ball zu fangen. Daher ist es wichtig, dass Du „altersgerechte“ Bälle nutzt. Dies können Softbälle oder Dragonskin-Bälle sein, die stabil und trotzdem weich sind. Besonders weiche Stoffbälle eignen sich für die kleinen Ballspieler hervorragend. Außerdem solltest Du robuste Luftballons bei Minigruppen (im Kindergartenalter) einsetzen. Luftballons aus Naturlatex halten einiges aus und sind, wenn sie kugelrund gefüllt wurden, ein wunderbarer Zeitlupen-Ball. Somit lässt sich das Fangen ganz ohne Gefahren erlernen und die Geschwindigkeit der Spielgeräte wächst gleichsam mit dem Können der Akteure.

Wie lernen Kinder fangen?
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Um die Wahrnehmung zu schulen, empfehlen wir Dir, viele unterschiedliche Bälle einzusetzen und diese auch immer wieder zu variieren. Somit werden die Kinder geschult, die Flugbahn der Bälle aufmerksam zu verfolgen und immer wieder neu einzuschätzen. Sie lernen außerdem, sich an neue Spielgeräte schneller anzupassen und können ihr Verhalten schneller adaptieren. Das führt dazu, dass sie präziser und genauer einschätzen, wann der Ball wo sein wird. Außerdem können Ballspiel-Stunden somit abwechslungsreich gestaltet werden, wenn bereits bekannte Spiele mit anderen Bällen ausprobiert und die Kinder vor neue Herausforderungen gestellt werden. Die Varianten und abwechslungsreichen Stundenabläufe sind Teil des Ballschul-Konzeptes und bringen einen biochemischen Vorteil mit sich: Durch neue Aufgaben können unerwartete Erfolgserlebnisse erzielt werden, die wiederum zur Dopamin-Ausschüttung führen. Somit erleben die Kinder Spaß beim Üben und Spielen und wollen es wieder und wieder probieren. Dies hat einen schnelleren Lernfortschritt zur Folge.

Erste Erfahrungen für die Kleinsten

Wie lernt man einen Ball fangen?
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Um schon die Kleinsten auf das Ballspielen vorzubereiten, empfehlen wir Dir mit rollenden Bällen und dem Stoppen dieser zu beginnen. Somit wird zunächst die Wahrnehmung von rollenden Objekten geschult, was sich hinsichtlich Geschwindigkeit und Schwierigkeitsgrad für den Übungsleiter leichter regulieren lässt. Der Übergang von einem rollenden zu einem springenden Ball kann dann z.B. mithilfe einer schrägen Turnbank bewältigt werden. In Bewegungslandschaften können die Kinder die Bälle auf Bänken herunterrollen lassen und andere wiederum diese Bälle stoppen und auffangen. Springende Bälle sind schwieriger zu stoppen als rollende. Allerdings verlieren sie beim Aufspringen auf dem Boden Bewegungsenergie und sind somit einfacher zu fangen, als Bälle, die direkt aus der Luft kommen.

Fangen lernen – Erste Übungen zur Fangtechnik

Fangen lernen

Schließlich wollen die Kinder lernen, einen Ball aus der Luft zu fangen. Nachdem mit Luftballons schon die Vorarbeit geleistet wurde, können Kinder eigenständig üben, einen Ball hochzuwerfen und zu fangen. Wenn sie dies individuell üben, können sie den Schwierigkeitsgrad selbst regulieren und lernen gleichzeitig, wie gut sie schon fangen und werfen können. Beim individuell, freien Üben kann der Übungsleiter immer wieder Anregungen geben (aber wenige oder keine Instruktionen). Er kann die Kinder fragen: „Wer kann denn den Ball mit ausgestreckten Armen fangen?“ oder „Wer kann den Ball fangen, nachdem er auf dem Boden aufgesprungen ist?“. Durch die Frageform und das vermeiden des Wortes „Muss“ werden die Kinder angeregt etwas auszuprobieren und fühlen sich nicht dazu gezwungen, einen Ball fangen zu müssen. Sie werden dadurch intrinsisch motiviert. Und durch das individuelle Üben vergleichen sie sich nicht zu sehr mit anderen Kindern, sondern nur mit ihrem eigenen Lernfortschritt und nehmen diesen als Erfolg wahr. Dies wiederum motiviert sie weiter, und sie wollen noch weitere Übungen ausprobieren. Die Kinder dürfen bei „Wer kann…?“ auch gerne immer selbst Vorschläge einbringen, denn so setzen sie sich mit ihrem Leistungsniveau auseinander und reflektieren ihr Können. Erst wenn das beidhändige Fangen ein stabiles Leistungsniveau erreicht hat und die Kinder diese Technik sicher beherrschen, kann man darauf koordinative Übungen zum Stabilisieren der Technik aufbauen oder schwierigere Techniken vermitteln (wie bspw. das einhändige Fangen oder das Fangen beim Rennen, Springen etc.). Auch dies kann wieder über das impulsgeleitete Üben und Spielen („Wer kann…?“; „Könnt ihr…?“, „Zeigt doch mal, ob ihr…könnt“) gesteuert werden. Einhändiges Fangen (zunächst mit Hilfe eines weiteren Körperteils, z.B. Bein, Brust oder Bauch, später ohne Hilfestellung), oder mit ausgestreckten Armen, über dem Kopf, im Liegen oder Rennen können in vielzähligen Variationen und Kombinationen an die Kinder herangetragen werden.

Übungen zum einhändigen Fangen lernen

Fangen lernen von Kindern
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Da das Fangen mit beiden Händen anfangs eine Herausforderung darstellt, kannst Du dies beim Üben auch zunächst vereinfachen, indem man nur eine Hand zum Fangen benötigt: Dafür stellen sich die Kinder mit ihrer linken Schulter an die Wand (Linkshänder mit der rechten Schulter) und werfen einen Ball mit ihrer rechten Hand hoch. Nun versuchen sie, den herunterfallenden Ball mit ihrer rechten Hand zu fangen, in dem sie die Wand dabei zur Hilfe nehmen. Der Ball wird also zwischen Hand und Wand „eingeklemmt“. So müssen sie zunächst einmal nur eine Hand steuern. Dabei müssen die Kinder natürlich auch die Flugbahn des Balles erkennen und wahrnehmen, müssen aber nur eine Hand steuern und mit Hilfe der Wand den Ball trotzdem fangen. Wenn Du diese Übungen mit der schwächeren Hand machen lässt, kann beispielsweise auch ein einseitiges Defizit gezielt ausgeglichen werden. Um die Flugbahn des Balles besser wahrnehmen zu können, eignet sich folgende Übung:

  • Die Kinder halten jeweils einen Ball in den Händen. Diesen werfen sie hoch und wenn der Ball seinen höchsten Punkt erreicht hat, schließen sie die Augen. Sie versuchen, dann zu klatschen (mit geschlossenen Augen), wenn der Ball auf dem Boden aufkommt. Dafür gehen die Kinder immer zu zweit zusammen und einer kontrolliert, ob das Timing beim Klatschen mit dem Aufkommen des Balles übereinstimmt.

Partnerübungen zum Fangen lernen

Nach dem individuellen Üben folgt das Üben mit einem Partner. In Partnerübungen fällt der Ball nun nicht mehr nur von oben herab, sondern kommt in einer flacheren Kurve von einem Mitspieler angeflogen. Dies ist eine weitere Steigerung und kann genauso vorab mit Luftballon vereinfacht geübt werden. Auch hier gelten die gleichen Vorgaben wie beim individuellen Üben: Unterschiedliche Bälle verwenden und diese immer dem Niveau der Kinder anpassen, dazu Impulse liefern und mithilfe dieser die Herausforderungen sukzessive steigern.

Wenn die Technik sich nach und nach stabilisiert, sollte sie unbedingt auch Anwendungen in Spielformen finden. Dazu ist es wichtig, dass diese Spielformen zeitlich parallel zum impulsgesteuerten Üben und Spielen stattfinden, sprich in den gleichen Einheiten, und nicht erst nachdem die Technik erlernt wurde. Spielen ist die kindgerechte Art, neue Kompetenzen zu erlernen. Einerseits erkennen die Kinder dadurch die Notwendigkeit, das Fangen zu erlernen. Andererseits lernen sie auch beim Spielen selbst. Dazu sollten die Spielformen allerdings kindgerecht gestaltet sein: Kleine Mannschaften (3vs3 oder 4vs4), kleine und mehrere Ziele, sowie altersgerechte Spielgeräte (Softbälle statt Lederbälle). Für Kinder haben Spiele den größten Aufforderungscharakter und ihre Motivation ist hierbei besonders groß. In kleinen Mannschaften haben sie eine hohe Wiederholungszahl erforderlicher Techniken und mehr Ballkontakte als in großen Mannschaften. Somit schulen sie ihre eigene Technik genauso intensiv wie beim Üben.

Erklären oder ausprobieren lassen?

Übungen zum Fangen lernen

Viele Übungsleiter neigen dazu, schon den kleinsten Bambini-Ballsportlern alles genauestens zu erklären. Dies hat allerdings mehrere Nachteile: Einerseits verstehen Kinder oftmals gar nicht genau, was gemeint ist und können die beschriebene Technik nicht, wie vom Trainer gewünscht wird, umsetzen.  Andererseits haben sie so auch keine eigenen Erfolgserlebnisse, weil sie nicht selbst herausgefunden haben, wie das Fangen eines Balles funktioniert. Kinder imitieren ohnehin das Verhalten von Erwachsenen und anderen Kindern. Wenn sie also sehen, wie jemand einen Ball fängt, ahmen sie die Bewegungsmuster unterbewusst nach. Das mag anfangs etwas ungenau aussehen, doch nach dem Trial & Error Prinzip passen Kinder ihre Technik an und verbessern diese. Sie lernen unbewusst (vergleichbar wie wir unsere Muttersprache erlernen – ohne Kenntnisse der Grammatikregeln, nach „Gefühl“) und wenn sie den Weg zum Ziel selbst entdeckt haben, gilt dies als eigene Errungenschaft und ist damit auch tiefer im Bewusstsein verankert. Die intuitiven Sportler, die sich so viele Trainer wünschen, können nur heranwachsen, wenn wir ihnen den nötigen Freiraum und die Zeit geben und sie somit in ihrer Entwicklung unterstützen. Dafür ist sowohl Geduld von Nöten, wie auch Spaß am Ballspielen, den man glaubhaft vermitteln kann. Die Ballschule Heidelberg empfiehlt daher, bei jüngeren Kindern (im Alter zwischen 3 und 8 Jahren) weniger oder anfangs auch keine Instruktionen zu geben und die Kinder ausprobieren zu lassen (Prinzip des unangeleiteten und impliziten Lernens). Sollten die Kinder allerdings Fragen stellen, sollte ein guter Übungsleiter immer Antworten geben und die Kinder beim Lernprozess unterstützen.