„Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeeeeeee!” Solche wunderbaren Geschichten, wie den Gewinn der Weltmeisterschaft 2014, schreibt nur der Fußball. Bei der WM bekam „Die Mannschaft“ für das Fußballspiel Respekt und Anerkennung von der ganzen Welt. Doch wie war es möglich, dass sich Deutschland zu so einer Fußballmacht entwickelt und sogar den Gastgeber Brasilien 7:1 vom Platz fegt? Nachdem man bei den Europameisterschaften 2000 sowie 2004 kläglich in der Gruppenphase ausgeschieden war, wurde klar, dass die deutschen Tugenden Kampf und Wille im modernen Zeitalter nicht ausreichen um in der Weltspitze der Nationen mitzuspielen. Man entwickelte also ein neues Konzept, bei dem die Trainingsgestaltung grundlegend verändert wurde. Es wurde erkannt, dass Variabilität und Bewegungsoptimierung entscheidende Faktoren für die Leistungssteigerung sind. Im Folgenden wird das Koordinationstraining erklärt und Übungsbeispiele gegeben.

Grundelemente im Koordinationstraining

Die 4 Grundelemente im Koordinationstraining

Um sich zu einem guten Fußballer zu entwickeln, sind die folgenden 4 Grundelemente entscheidend:

  • Konditionelle Fähigkeiten
  • Taktische Fähigkeiten
  • Technische Fähigkeiten
  • Psychische Fähigkeiten

Unterschied zwischen Koordination und Technik

Unterschied Koordination und Technik
Unter

Koordination ist, wie oftmals angenommen, nicht mit technischen Fertigkeiten gleichzusetzen.

Koordination zählt neben den konditionellen Faktoren (Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit) zu den motorischen Grundeigenschaften. Sie beschreibt die Fähigkeit Bewegungen sicher und effizient zu beherrschen und neue Bewegungen relativ schnell neu zu erlernen. Die Koordination ist beim Fußball die Basis, um andere Fähigkeiten auszubilden.

Die technische Fertigkeit bezeichnet die Ausführung von koordinativen Bewegungen, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Zum Beispiel wird der Kopfball aus mehreren koordinativen Fähigkeiten zusammengesetzt: Berechnung der Flugkurve, Absprung, Wahrnehmung der Stellung zum Tor, Stoß mit dem Kopf.

Unterteilung der Koordination

Die Koordination kann in sieben grundlegenden Komponenten unterteilt werden:

Kopplungsfähigkeit

Kopplung einzelner Teilbewegungen zu einer ganzheitlichen Bewegung

→ Beispiel: Der Schuss setzt sich grob aus drei Teilbewegungen zusammen: 1. Anlauf 2. Schwungholen mit einem Bein 3. Stoß des Balles mit dem Fuß

Differenzierungsfähigkeit

Feinabstimmung von Teilkörperbewegungen, Fähigkeit Bewegungen mit hoher Präzision sowie in unterschiedlicher Intensität auszuführen („Ballgefühl“)

→ Beispiel: Ballannahme unterschiedlicher Intensität, Zuspiel eines Passes mit hohem oder geringem Druck

Gleichgewichtsfähigkeit

Gleichgewicht halten (statisch) und Gleichgewicht wiederherstellen (dynamisch)

→ Beispiel: Beim Zweikampf auf den Beinen bleiben, Einbeinstand beim Schuss und Pass, Aufkommen nach einem Sprung

Orientierungsfähigkeit

Orientierung im Raum (eigene Bewegungen auf Umgebungsänderungen und Bewegungsänderungen von Mitspielern sowie Gegenspielern abstimmen) durch Sinneswahrnehmungen (optisch, akustisch, Oberflächensensibilität der Haut, Empfindungen in Muskeln und Gelenken)

→ Beispiel: Einordnung der eigenen Position im Raum um u.a. in Räume und Schnittstellen zu laufen

Rhythmisierungsfähigkeit

Fähigkeit einen Rhythmus in seine Bewegungen einzubauen (Flow Zustand)

→ Beispiel: Die Mannschaft als Ganzes befindet sich im Rhythmus, jeder weiß der andere macht, Laufwege und Passwege laufen „blind“ ab

Reaktionsfähigkeit

Fähigkeit auf kurzfristig ändernde Situationen zu reagieren

→ Beispiel: Der Ball verspringt kurz vor der Annahme

Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit

Schnelle Änderung geplanter Bewegungen beim Eintreten einer neuen Situation

→ Beispiel: Umstellung von Angriff auf Verteidigung, Äußere Faktoren wie Wetter, Publikum und Bodenbeschaffenheit

In der Praxis überschneiden sich die Komponenten und wirken zusammen.

Ziele und mögliche Effekte des Koordinationstrainings

Ziele im Koordinationstraining
Quelle: pixabay

Allgemein:

  • Schaffung einer breiten koordinativen Basis um neue Bewegungen durch bereits gelernte Teilbewegungen schneller zu erlernen
  • Durch Wachstum verändert sich der körperliche Aufbau, die „Bewegungsprogramme“ müssen sich ständig anpassen
    -> Koordinationstraining zur Erlangung der Kontrolle über den eigenen Körper
  • Optimierung von großräumigen, sowie kleinräumigen harmonischen Bewegungen
  • Sportler im Hochleistungsbereich (die am Belastungsmaximum arbeiten) können durch vielfältigeres Training neue Belastungsreize setzen

Fußballspezifisch:

  • Gute und anpassungsfähige Beherrschung von Körper und Ball in verschiedenen Situationen eines Fußballspiels
  • Optimierung der technischen Fertigkeiten
  • Förderung der technischen Kreativität und Variabilität
  • Schnelleres Lernen neuer fußballspezifischer Bewegungstechniken

Faktor Alter

Effekte im Koordinationstraining

Grundsätzlich ist es möglich die koordinativen Fähigkeiten unabhängig vom Alter zu trainieren und zu verbessern. In seiner Entwicklung durchläuft der Mensch verschiedene Phasen der koordinativen Entwicklung.

Die Entwicklung der Fähigkeiten beginnt bereits ab der Geburt, wo das Kind Bewegungen anderer Menschen nachahmt, neue Untergründe kennenlernt und Gefühl für Rhythmus durch Musik entwickelt.

Das beste Alter für Koordinationstraining ist das Schulkindalter in der Vorpubertätsphase. Wer kennt es nicht, nach einem anstrengenden Wandertag mit der Familie steht das Kind am nächsten Morgen auf und würde am liebsten wieder loslegen. Dies liegt daran, dass Kinder durch Prozesse im Gehirn (zerebrale Antriebsprozesse) einen erhöhten Bewegungsdrang und Neugierde haben. Der Körperbau der Kinder ist klein, leicht, grazil und sie besitzen gute Kraft- Hebel- Verhältnisse. Die Zeit der Vorpubertätsphase sollte genutzt werden, um koordinative Fähigkeiten zu verbessern und den Bewegungsschatz zu erweitern.

Das Jugendalter zeichnet sich durch eine erhöhte Intellektualität aus und neue Trainingsformen sind möglich. Aufgrund von belastungsfähigeren Knochen-, Knorpel-, Sehnen- und Bänderapparat bietet es sich an, andere konditionelle Faktoren (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer) vermehrt zu trainieren.

Sportler des Hochleistungsbereichs belasten sich so sehr am Limit, dass eine Mehrbelastung zu schwerwiegender körperlicher Schädigung führen kann. Wie bereits erwähnt kann ein vielfältigeres Training neue Belastungsreize setzen und so zu einer Leistungssteigerung führen.

Leitlinien beim Training

Koordination bei Kindern
  • Training nur im ermüdungsfreiem Zustand und nach dem Aufwärmen (hoher Anspruch an das Nervensystem) durchführen
  • Übungs-, und Spielformen in höchstmöglichem individuellem Tempo durchführen
  • Belastungsdauer pro Übung 20-30 Sekunden
  • Anzahl der Wiederholung abhängig vom Grad der optimalen Bewegungsausführung
    -> wenn gekonnt dann ändern
  • Methodenauswahl zur Vermittlung:
    • Ganzheitsmethode: Vormachen -> Nachmachen
    • Teillernmethode: Zielbewegung wird gegliedert in Teilbewegungen nach zeitlichen oder funktionellen Aspekten und werden isoliert trainiert
  • Beachtung bei Kindern der individuellen Belastbarkeit des Bewegungsapparats
  • Begleitung eines Beweglichkeitstrainings (Krafttraining in vollem Bewegungsausmaß)
  • Steigerung: von einfach nach schwer, beispielsweise Miteinbeziehung von Gegner oder Zeitdruck
  • Variationen einbauen
  • Präzise, schnelle und rhythmische Ausführung
  • Individuelle Erfolgserlebnisse schaffen
  • Möglichkeit des mentalen Trainings

Übungen

Wir haben Dir verschiedene Übungen für Dein Koordinationstraining zusammengestellt:

Schulkindalter

In diesem Alter bildet die Verbesserung koordinativer Fähigkeiten und die Erweiterung des Bewegungsschatzes den Fokus im Koordinationstraining. Es können die folgenden Übungen durchgeführt werden:

Technikerkreis: Die Hauptanforderungen sind die Differenzierungsfähigkeit und die Erweiterung des Bewegungsschatzes.

Leitertraining: Die Hauptanforderungen sind die Rhythmisierungsfähigkeit und die Erweiterung des Bewegungsschatzes.

Vier gewinnt: Die Hauptanforderung ist die Reaktionsfähigkeit.

Ab Jugendbereich

Fußballübung zur besseren Orientierung: Die Hauptanforderungen sind die Orientierungsfähigkeit und die Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit.

Basket-Fußball: Die Hauptanforderung ist die Orientierungsfähigkeit.

Hochleistungsbereich

In diesem Bereich ist das Ziel, der Erhalt der koordinativen Fähigkeiten, sowie das Setzen von neuen Belastungsreizen. Im folgenden Video nutzt der FC Bayern München das Koordinationstraining zum Aufwärmen. Die Bewegungsabfolgen werden unter höchstmöglicher Geschwindigkeit durchgeführt und den gesamten Organismus für die Anforderungen an das Spiel vorzubereiten.