„Für den Publikumsverkehr zu schließen sind: der Sportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Schwimm- und Spaßbädern und Fitnessstudios.“ – Dieser Satz hat zu einem monatelangen Ausnahmezustand in der deutschen Sportlandschaft geführt und trägt immer noch gnadenlose Folgen mit sich. Der Rhythmus Lockdown, Lockerungen, Lockdown, Lockerungen hat nicht nur zur Schließung der Sportanlagen und zur Absage von Wettkämpfen geführt, sondern ebenso viele Sportler mürbe gemacht. Letztendlich hat dies zu einem Mitgliederrückgang geführt. Wir haben uns umgehört und mit den drei Sportvereinen SG Schorndorf, TSV Oberbrüden und TSG Backnang gesprochen!

Kurse, Challenges und Meisterschaften online: Kreativität war gefragt

Onlinekurse bei der SG Schorndorf in der Coronakrise
Onlinekurse bei der SG Schorndorf, Foto: Lukas Breusch

Aktuell wird in den Vereinen wieder fleißig trainiert und die Sportler bereiten sich auf die kommende Saison vor. Sonstige Sportangebote, wie beispielsweise der Kindersport oder das vereinseigene Fitnessstudio der SG Schorndorf, dürfen wieder öffnen. Stefan Schaffroth vom TSV Oberbrüden beschreibt „Es freuen sich einfach alle wahnsinnig, dass sie wieder trainieren dürfen. Dementsprechend ist bei den Sportlern eine sehr hohe Motivation zu spüren“. Benjamin Wahl von der SG Schorndorf fügt hinzu, dass man eine Art Aufbruchsstimmung spüre. Es ist sicherlich der Verdienst der Vereine, dass im Moment solch eine positive Vereinsstimmung herrscht. Denn im Lockdown entwickelten sich tolle, neue Ideen, um den Vereinsmitgliedern etwas Bewegung zu ermöglichen. Alle drei Vereine boten Onlinekurse an. Die TSG Backnang und die SG Schorndorf richteten hierfür sogar ein Filmset in der Sporthalle ein und mit professioneller Ausstattung wurden so komplette Onlinekurse gestreamt. Das Kindergartenprojekt „Hompelmann“ (Hampelmann zu Hause), diverse Laufchallenges mit Ranking und Preisen oder Onlinevereinsmeisterschaften mit teilweise absurden Spielen, wie beispielsweise der Teebeutelweitwurf, sind nur ein Ausschnitt der wirklich kreativen (Trainings-)Ideen von Vereinen, Trainern und Sportlern. 

3G-Regelung als Herausforderung

In den letzten Monaten war besonders die Umsetzung der aktuell geltenden Beschränkungen und Regeln die größte Herausforderung für die Vereine. Claudia Krimmer beschreibt die Umsetzung der 3G-Regelung als einen riesigen Aufwand. Besonders im Erwachsenenbereich sei dies schier unmöglich und auch eine Kostenfrage. Die Amateurspieler hätten ihren gesamten Tag durchtakten müssen, um sich im Lauf des Tages testen zu lassen. „Wir als Verein haben diese Einschränkungen bei den Erwachsenen einfach übersprungen und ihr Training später mit der Abschaffung der 3G-Regel wieder aufgenommen“ so berichtet Stefan Schaffroth. Die Sportvereine mussten monatelang in Unsicherheit leben und neue Verordnungen oftmals innerhalb eines Tages umsetzen. Benjamin Wahl bringt die große Herausforderung der Vereine während des Lockdowns gut auf den Punkt „Wir als Verein mussten im Lockdown einerseits präsent sein und andererseits war ein Großteil unserer Mitarbeiter in Kurzarbeit. Dieser Spagat zwischen Kurzarbeit und ansprechbar und ein guter Sportverein zu sein, den Mitgliedern etwas anzubieten, war extrem schwierig.“ Oftmals hatten die Vereine ihr Verhalten an die aktuellste Verordnung angepasst und schon sollte wiederum eine neue Regelung umgesetzt werden. Somit galt es nicht mehr nur ein guter Sportverein zu sein, sondern jeder musste der Herr der Verordnungen werden. Aktuell müssen die Sportler nur noch wenige Einschränkungen beachten, beispielsweise müssen Abstände eingehalten und Masken auf den Wegen getragen werden. Dabei stellt sich nur die Frage, wie lange die Situation so entspannt bleibt.

Entwöhnung vom Sportverein

Beim TSG Backnang sei der Mitgliederrückgang zum Glück noch nicht über 10 Prozent. Es sei jedoch nur eine Frage der Zeit, bis diese „magische“ Grenze überschritten wird. Vereine hatten aufgrund der Beschränkungen und Schließungen mehrere Monate keine Möglichkeit neue Mitglieder zu gewinnen. Benjamin Wahl bezeichnet diese Entwicklung weniger als erhöhte Austritte, sondern vielmehr als entgangene Eintritte. Besonders große Vereine verzeichnen einen erhöhten Mitgliederrückgang, da dort oftmals u. a. Fitnessstudios in die Vereinsstruktur integriert sind. In diesem Zusammenhang findet Claudia Krimmer vom TSG Backnang besonders die Denkweise vieler Mitglieder problematisch: „Die Menschen sehen uns immer mehr als Dienstleister und nicht mehr als gemeinnütziger Verein. Die Tatsache, dass die Menschen für ihren Mitgliedsbeitrag Leistungen erwarten, ist problematisch. Denn der Mitgliedsbeitrag ist nicht mit einer Leistung verbunden, vielmehr unterstützt man damit den Verein.“ Zudem konnten des Öfteren auch vorübergehende Austritte verzeichnet werden. Beim TSV Oberbrüden waren diese besonders im Jugendbereich zu erkennen.

Finanziell schwierige Zeit

Hygienemaßnahmen in den Vereinen
Hygienemaßnahmen beim TSV Oberbrüden, Foto: Stefan Schaffroth

Die Pandemie hatte in allen drei Vereinen große finanzielle Auswirkungen. Es ist das Gesamtpaket, was die Vereine getroffen hat. Auf der einen Seite sind finanzielle Einbußen durch den Verlust der Zuschauereinnahmen und einiger Mitgliedsbeiträge zu verzeichnen. Auf der anderen Seite fehlen Einnahmen von kleineren Vereinsaktivitäten, wie beispielsweise Hallenturniere oder Stände bei Weihnachtsmärkten. Die ersten Werbepartner haben auch schon angedeutet, dass sie in der neuen Saison nicht mehr zur Verfügung stehen. Für viele Vereine waren die Soforthilfen der einzige Retter. Doch nicht jeder Verein erhält die staatliche Unterstützung. Beispielsweise muss die TSG Backnang neue Lösungen finden, um den finanziellen Einbußen zu trotzen. Denn der stetige Mitgliederrückgang bedeutet auch gleichzeitig, dass die Zuschüsse weniger werden.

Die Krise hatte auch positive Seiten

Das anhaltende Engagement und die Treue vieler Mitglieder und Trainer hat alle drei überrascht. „Man hatte bei vielen den Eindruck, dass es relativ egal ist, wie lange die Schließungen und Einschränkungen noch andauern werden.“ beschreibt Benjamin Wahl. Trotz der teilweise sehr schwierigen Situation entwickelten sich immer wieder neue, kreative Trainingsideen. Der TSV Oberbrüden nutzte den Lockdown beispielsweise für die Vereinsinfrastruktur. So wurden unter Einhaltung von verschiedenen Hygienemaßnahmen Kabinen und das Vereinsheim renoviert. Zudem konnte Benjamin Wahls Eindruck des verbesserten Vereinszusammenhalts in den beiden anderen Vereinen bestätigt werden. Alle drei hatten den Eindruck, dass die Mitglieder durch die Pandemie das soziale Miteinander in den Vereinen mehr zu schätzen gelernt haben. Bei der SG Schorndorf sind der Hauptverein und die Abteilungen sogar noch besser zusammengewachsen und es ist ein richtiges Wir-Gefühl entstanden.

Enormer Zuspruch für Sport im Freien

Kindersport bei der TSG Backnang
Kindersportangebot unter Corona-Bedingungen der TSG Backnang, Foto: Tobias Sellmaier

Ein Aspekt wurde in jedem Verein erkannt. Die Menschen wollen auch unabhängig von den besonders im Innenbereich geltenden Einschränkungen raus. Im Lockdown wurden klassische Indoorsportarten in den Außenbereich verlegt. Claudia Krimmer beobachtet, dass bisherige Outdoormuffel mittlerweile raus möchten. Diesem Eindruck entsprechend sollen zukünftig alle Angebote, die draußen stattfinden können, auch im Outdoorbereich durchgeführt werden. Zudem wollen die Vereine neue Outdoorangebote aufnehmen. Die SG Schorndorf war im Lockdown besonders glücklich mit der AOK Arena, eine Outdoortrainingshalle auf dem Sportgelände, zu haben. Sobald es die Regelungen zugelassen haben, konnten hier sämtliche Trainings durchgeführt werden.

Der Blick in die Zukunft

Der Wunsch aller ist natürlich, dass es im Herbst nicht zu einer erneuten Schließung der Sportanlagen kommt. Der Sport soll weiter zur Normalität zurückkehren, sodass irgendwann wieder uneingeschränkt trainiert werden kann. Normalität sei auch dann erreicht, wenn die Sportler und die Vereine keine Auflagen, Regeln oder sonstige Einschränkungen einhalten müssen. Benjamin Wahl ist sich sicher, dass auch zukünftig einige Kurse oder Vereinssitzungen online stattfinden werden. Bezüglich der gesamten Sportlandschaft ist Claudia Krimmer überzeugt, dass sich diese verändern und dass sich der Trend zu Outdoorsport verstärken wird. Zudem erklärt sie, dass die Sportvereine der immer stärker werdenden Entwicklung zum unorganisierten Sport mit attraktiven (Outdoor-)Angeboten entgegenhalten müssen. Stefan Schaffroth ergänzt diese Zukunftsgedanken und fordert ein Umdenken der Menschen: „Im letzten Lockdown hatte ich den Eindruck, dass der Sport als Problem angesehen wird.“ Dies sei äußerst problematisch und wirke sich besonders im Kinder- und Jugendbereich durch mangelhafte Bewegung negativ aus. Der letzte Lockdown hat schon dazu geführt, dass im Moment sämtliche Sportler über ein niedriges Fitnesslevel verfügen, träge sind und ihre Muskelbelastung abgenommen hat. Bewegung ist eine zentrale Aktivität, die für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen enorm wichtig ist. In Zukunft müssen sowohl die Politik als auch die Gesellschaft die Wichtigkeit von Sport mehr wahrnehmen. Denn Sport sollte in Coronazeiten kein Problem darstellen, sondern vielmehr als Lösung angesehen werden!